Manifest zum Themenkomplex „Menschen suchen Zuflucht“

Betrachten wir derzeit die Nachrichten, wir können nicht fassen, was geschieht. Die Welt zerfällt vor unseren Augen. Eine schweigende Mehrheit muss zusehen, wie jene, denen die Worte noch nicht im Hals stecken geblieben sind, eine Kakophonie des Hasses bilden. Reich gegen Arm. Ost gegen West. Hautfarbe gegen Hautfarbe. Heimatler gegen Zuzügler. Alle gegen Alle.

Betrachten wir derzeit die Nachrichten sind wir geneigt, uns abzuwenden. Abwenden allerdings ist keine Option mehr. Wir stehen an einem Scheideweg, und wir erkennen, dass alle Brandherde der letzten Jahre – Lehmann, Grexit, Brexit, Krim, Syrien und Lybien – nur Symptome einer viel größeren, nun offen zutage tretenden Krankheit waren: dem Versagen der Gesellschaft.

2016 markiert das Jahr, in dem sich die Geschichte zu wiederholen scheint. Nach der Aushöhlung der gesellschaftlichen Mitte durch die zukunftsabgewandte und elitenorientierte Klientelpolitik der letzten beiden Jahrzehnte erleben wir derzeit die Einwucherung rechtspopulistischer Gedanken und Parolen bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein.

Als Teil der Gesellschaft fragt man sich: Woran habe ich Anteil? In Zeiten des postdemokratischen Neoliberalismus, in dem Volksparteien in vorauseilendem Gehorsam die Knie vor dem Markt beugen und sich jedem noch so übelriechenden Windhauch einflussreicher Lobbyisten nachdrehen, verliert der soziale Kompass jede Nordung. Die Vorstellung einer offenen und freien Gesellschaft verwischt.

Die Schwierigkeit einer Definition offenbarte sich bereits Anfang des Jahrtausends in der so genannten Leitkulturdebatte, die – eines humanistisch-liberalen Landes unwürdig – Identität durch Abgrenzung zu formen suchte, vergessend, dass die deutsche Gesellschaft, auf die man so stolz war, in einem friedlichen Europa gediehen war, dessen Stärke im Verzicht auf Grenzen wurzelte. Grenzen scheiden Herrschaftsgebiete voneinander.

Während sich Grenzen verändern, bleibt eine Frage immer gleich: wer herrscht in wessen Interesse?
Derzeit regieren in Europa Angst und Geld,nicht aber Menschen mit Mitgefühl. Das demokratische Versprechen von der Gleichheit aller Menschen scheint gebrochen, der Kampf verloren.

Übrig bleiben nur jene, denen die Stimme nicht versagt angesichts der Ungeheuerlichkeiten einer Zeit, die so sehr erinnert an eine andere. Damals hat der vermeintlich Starke dem Schwachen den Schwächeren zum Fraß vorgeworfen, um sich selbst zu schützen. Wo aber Unmenschen regieren, wird Politik nur noch für Ungeheuer gemacht.
Vertreter einer humanistisch-liberalen Weltordnung mögen daran verzweifeln.

Der offene Hass, den man auf Marktplätzen und Hauptstraßen erlebt, macht Gegner der Repression haltlos, sprachlos, fassungslos. Innere Immigration scheint opportun. Ist es aber eine Option, auch nur geringfügig nachzugeben oder gar zu kapitulieren?

Uns ängstigt der Verlust von Gemeinschaft und Mitmenschlichkeit. Uns entsetzt die derzeit vorherrschende Annahme, die pluralistische Gesellschaft sei gescheitert und Nationalismus der einzige Ausweg. Uns erzürnt die scheinbare Alternativlosigkeit angstvoller Politik und die ebenso scheinbare Alternative einfacher Antworten. Verstummen lässt uns all das aber nicht.

Als Teil der Gesellschaft und als Kulturschaffende sehen wir uns gefordert im Kampf gegen die Angst. Kunst vermag zweierlei: die Komplexität der Welt auf einfachste Mittel zu reduzieren und gleichzeitig mit diesen einfachen Mitteln im Labor der Kultur die Komplexität der Welt zu imitieren. Ohne Kultur verliert der Mensch daher seinen Blick für sich selbst und damit für seinen Nächsten.

Was wir im Mikrokosmos der Kultur und der Kunst über den Makrokosmos der Welt erkennen: die Krise wurzelt nicht und löst sich nicht allein in Deutschland. Tatsächlich sind nicht nur die deutsche oder nur die europäische Gesellschaft bedroht, sondern Menschen auf allen Kontinenten.

Die größte Gefahr besteht darin, das zu unterschätzen und darum zu wenig oder nichts zu unternehmen. Dabei könnte es einfach sein: Menschen, Menschen über alles – über jedes Vaterland! Die Variante der Goldenen Regel, dass niemand den Schaden eines anderen in Kauf nehmen dürfe, könnte uns alle zu einer humanen Weltpolitik führen, die persönliches Gewinnstreben dem Gesamtgewinn der globalen Gesellschaft unterordnet.

Die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist die Anerkennung des endlichen Planeten: die Bereicherung einiger führt zur Enteignung vieler. Egoismen wie diese führen zu Ungleichgewichten, die den Frieden der gesamten Welt gefährden. Denn nicht etwa global unzufriedene Gesellschaften haben zwei Weltkriege geführt, sondern Macht- und Geldinteressen.

Wir erkennen, dass diese Partikularinteressen sowohl grenzüberschreitende Völkerwanderungen als auch grenzziehende Nationalismen befördern. Wir erkennen, dass diese Partikularinteressen vom Zerfall der Gesellschaft profitieren. Wir erkennen, dass diese Partikularinteressen die Einlösung des demokratischen Versprechens von der Gleichheit aller Menschen verhindern.

Wir halten daher all jenen Gegenrede, die ihre menschenverachtende Meinung für die einzig Richtige halten, weil sie Sprachlosigkeit als akzeptierte Alternativlosigkeit annehmen. Wir werben für unsere Vision einer grenzenlosen, mitmenschlichen, global funktionierenden Gesellschaft. Vor allem aber erinnern wir an die Würde jedes einzelnen Menschen.